Amphibolurus muricatus, die australische Felsenechse

Amphibolurus muricatus, die australische Felsenechse
Australische Reptilien gehören wegen der weiten Entfernung, die sie zu uns zurücklegen müssen und vor allem wegen strenger Schutzbestimmungen heute zu den seltensten Kostbarkeiten in unseren Terrarien. Von der Reichhaltigkeit der australischen Reptilienwelt kann man sich eine ungefähre Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß in Australien und den umliegenden Inseln eine einzige Gruppe der Skinke, die Gattung Lygosoma in etwa 250 Arten auftritt. Aus der Agamengattung Amphibolurus kam als erste die bis 50 cm lange Bartagame, Amphibolurus barbatus, um die Jahrhundertwende lebend nach Europa. Kurz darauf folgte der kleinere Amphibolurus muricatus, der in seiner Heimat (Australien, Tasmanien) gebietsweise recht häufig ist. Ich erhielt diese Art zunächst in einem Einzelstück und bemühte mich, in der Literatur einiges über den Lebensraum dieser Agame zu erkunden, um ihm ein möglichst naturgemäß eingerichtetes Terrarium zu bieten. Wie so oft widersprachen sich die Autoren diametral:
B. Brandis: „Amphibolurus lebt ausschließlich auf höher gelegenen Punkten. Im Terrarium hält er sich vorwiegend auf den Kletterbäumen auf und springt trotz seines außerordentlich langen Schwanzes geschickt von Ast zu Ast… Als Baumtier bedarf er einer Bodenheizung nicht.“
E. Schiche: „Als typisches Bodentier bewegte er sich auf Ästen unsicher, stürzte auch über kurz oder lang ab und warf sich freiwillig auf den Boden.“
Paul Kämmerer kommt der Sache wohl etwas näher: „Obschon eigentlich ein Bewohner des Bodens, klettert er doch oft, wie alle Echsen, im Gezweig herum.“
Erst kürzlich erschien der Bericht von Uwe Peters, der die Felsenechsen im Lane Cove Nationalpark beobachten konnte. Während Schiche angibt, diese Art werde von den Farmern „rock- lizard“ (Felsenechse) genannt, was auf ein Bodenleben schließen ließe, führt Peters den Vulgärnamen „treedragon“ (Baumdrachen) an. Die Sachlage klärt sich aber, wenn er den Biotop beschreibt: „Verlassen wir das Lane Cove Tal und klettern höher, so erreichen wir einen ungefähr 200 m breiten Streifen trockenen Buschgebietes, an das sich die Straße, Gärten und Wohnhäuser anschließen . . . Dieses Stück Steppe beherbergt verschiedene Amphibolurus-Arten.“
Mehrere Exemplare von A. muricatus, die ich (und später Bundesfreund Szidat) pflegen konnte — es handelte sich in allen Fällen um Männchen, als solche eindeutig bestimmt nach der Knopfsondenmethode nach Szidat — hielten sich fast ständig auf dickeren Ästen, 30—40 cm, über dem Boden auf. Sie versuchten nie, sich zu verstecken, auch nachts nicht. Mit rückwärts an den Körper gelegten Hinterextremitäten verbrachten sie die Nacht schlafend auf den Plätzen, die ihnen auch tagsüber als Aufenthalt dienten. Auch in anderen Fällen widerspricht sich die ältere Literatur, so z. B. in Beziehung auf Abwehr- bzw. Fluchtreaktionen:Paul Kämmerer: „. . . zwar waren meine Tiere recht gutmütig, blieben aber, solange sie gesund waren, ziemlich scheu und beantworteten jeden Annäherungsversuch mit eiliger Flucht.“
B. Brandis: „Unverwüstliche Zutraulichkeit,
welche an Dreistigkeit grenzt, ist eine Hauptzierde unseres Pfleglings.“
Meine Tiere flohen ungern und nur bei starker Belästigung, blieben meist auf ihrem Ast sitzen, zunächst mit dem nach unten gedrückten Zungenbein die Kehle spreizend, dann drohend den
Rachen öffnend, wobei die orangegelbe Färbung der Rachenschleimhaut auffiel.
Übereinstimmung herrscht bei allen Autoren darüber, daß A. muricatus rein carnivor ist. Hervorgehoben wird die starke Freßlust und die Tatsache, daß Fliegen eine Vorzugsnahrung bilden, und daß auch Fleisch von der Futterpinzette angenommen wird. Ich fütterte vorwiegend mit Heimchen, Schaben und Mehlwürmern, später auch mit Wiesenplankton. Keine dieser Futterarten wurde verschmäht, bei Szidat wurden auch Wachsmottenlarven angenommen. Einem temperaturabhängigen Trinkbedürfnis ist durch Einsetzen einer Wasserschale Rechnung zu tragen. Richtig hat schon Ph. Schmidt erkannt, daß starke Tag-Nacht-Temperaturgegensätze für das Wohlbefinden dieser Art sehr förderlich sind. Auch der schwache Farbwechsel wird beschrieben, wenn auch etwas ungenau. Leider fehlte mir die Zeit, hier planvoll zu beobachten und zu protokollieren. Auffällig ist, daß die auf dem Foto gut sichtbaren hellen Flecken auf dunkelbraunem Längsband sich zeitweilig in eine Längsstreifung verwandeln.
Als Geschlechtsunterschied geben die älteren Quellen eine hellere, fast graue Grundfärbung des Weibchens an. Nach dieser Definition müßte es sich bei der Fotografie von Brandis (Bl. 1912 und 1913) wohl um ein Weibchen handeln. Ihre gute Haltbarkeit, ihre Zutraulichkeit, ihre relativ geringe Größe und die immer vorhandene Bereitwilligkeit zur Futteraufnahme machen A. muricatus zu einem idealen Terrarienbewohner.

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