Einrichtung im Meerwasser-Aquarium

Es gibt vielerlei Möglichkeiten, ein Aquarium einzurichten. Man kann die Wände nackt lassen, desgleichen den Boden. Als Einrichtung für ein hygienisches Aquarium verwendet man nur einige größere und kleinere umgedrehte Blumentöpfe, deren Rand angeschlagen ist und die als künstliche Höhlen oder als Unterschlupf dienen. Für bestimmte kleinere Höhlenfische, wie z. B. die Schleimfische, legt man noch einige Kunststoffröhrchen in das Becken, damit auch diese Tiere einen Unterschlupf haben. Eine solche völlig unnatürliche Einrichtung hat zwar den Vorteil, daß man die Fische leichter überwachen kann, daß die Einrichtung gut herausnehmbar ist, daß man das Becken ohne große Schwierigkeiten säubern kann und daß sich Fische — falls sich dies als notwendig erweist — leichter herausnehmen lassen. Aber allein aus ästhetischen Gründen ist ein solch steriles Aquarium nicht jedermanns Sache. Für rein wissenschaftliche Zwecke in einem Laborbetrieb ist es sehr vorteilhaft. Auch für ein Quarantäne-Becken ist eine solche Einrichtung anzuraten.

Das Gegenstück hierzu ist das Biotop-Aquarium. Unter dem Begriff Biotop versteht man die natürliche Umwelt, in diesem Falle die Umwelt der Seewasserfische sowie der marinen Wirbellosen.

Für den Aquarianer kommen nur Küstenfische in Frage. Eine Küste aber kann sehr unterschiedlich gestaltet sein. Sie kann aus zerklüfteten Felsen bestehen, aus einem sanft abfallenden Hang, der dicht mit Steinen besetzt oder nur aus feinem Sand aufgebaut ist; der Boden kann nackt oder mit Tangen und Seegras bewachsen sein. Es versteht sich, daß ein jeder dieser Lebensräume seine eigenen, charakteristischen Bedingungen hat und von bestimmten Fischen und Niederen Tieren bewohnt wird. Wer sich zwischen Felsen aufhält, ist normalerweise nicht in einer Sandzone anzutreffen, und die Tangwälder haben wiederum ihre eigenen Bewohner.

Am vielgestaltigsten sind jene tropischen Küstengebiete, die durch ein Korallenriff gekennzeichnet sind. Das lebende Riff verläuft meist parallel zur Küste und ist von dieser vielfach 50 bis 200 m entfernt. Das Riff selber ist von kalkigen, vielgestaltigen Korallenstöcken aufgebaut und ist durch Spalten, Höhlen, Ritzen usw. in vielfältiger Weise zerklüftet. Je nach den Außenbedingungen kann es von buschartigen, schirmartigen oder großen blasensteinähnlichen Korallenstök-ken aufgebaut sein: Korallenriffe können also eine sehr unterschiedliche Gestaltung haben. Außerdem ist ein Riff als solches in sich differenziert und charakteristisch zoniert. Auf der zum freien Meer hin gelegenen Außenseite eines Riffs wachsen ganz andere Korallen als auf der Innenseite, also zur Küste hin; bestehen doch außen und innen verschiedene Lebensbedingungen. An der Außenseite rollt die Dünung heran, die sich an der Außenkante als hohe Brandungswellen bricht; an der Innenseite sind aber meist nur Gezeitenströme bemerkbar. Es versteht sich, daß am Außen- und Innenhang (Luv- und Leeseite) eines Korallenriffs völlig verschiedene Tierarten leben.

Zwischen Riff und Küste befindet sich normalerweise eine Sandzone oder ein breiter Lagunenkanal. Sein Boden ist mit Korallenschutt, feinem Sand oder sogar Kalkschlick bedeckt. Es können dort auch Miniatur-Riffe Vorkommen, und vielfach wachsen hier Tange und Seegras als dichte Wiesen oder gar „Wälder“. Wiederum hat hier ein jeder Lebensraum seine eigenen typischen Fischarten und Wirbellosen als Bewohner. Das gleiche gilt für die eigentliche Küste, die meist aus einem abgestorbenen Korallenriff besteht und daher felsig zerklüftet zu sein pflegt. Es kann der Fels aber auch mit feinem Sand bedeckt sein und nun als Sandstrand für Fische und Wirbellose wiederum ganz andere Lebensbedingungen bieten.

Will man ein Aquarium einrichten, sollte man daran denken, welche Fischarten in welchem Lebensraum beheimatet sind. Allerdings muß man den Tieren zugute halten, daß die meisten von ihnen sehr anpassungsfähig sind und sich normalerweise auch in einem unbiologisch eingerichteten Aquarium ohne weiteres halten lassen. Trotzdem sollte man doch den Versuch machen, ihnen Bedingungen zu schaffen, die dem natürlichen Lebensraum wenigstens bis zu einem gewissen Grade nahekommen. Da man meist zuvor nicht genau weiß, welche Fische man erhalten wird, ist es ratsam, Biotop-Kombinationen zu versuchen, d. h. Felsareal und Sandzone oder Korallenriff und Sandzone miteinander zu verbinden. Eine solche Kombination hat zugleich den Vorteil, daß jene Fische, die um den Fels bzw. die Korallen schwimmen, oberhalb der Sandzone genügend Bewegungsraum finden.

Die Sandzone bewohnen vorzugsweise manche Meerbarben und Schleimfische, Silberlinge, manche Lippfische, die Eidechsenfische, die Kieferfische, Schlangenaale, Steinfische, manche Krug- und Kugelfische, Rochen, Stierkopfhaie, Katzenhaie usw. Hinzu kommen zahlreiche Wirbellose, wie viele Muscheln und die Zylinderrosen. Außerdem sind jene Fische zu erwähnen, die vorwiegend freien Schwimmraum benötigen und daher für ein solches Becken besonders geeignet sind, wie z. B. die Meeräschen, viele Lippfische, die Süßlipper, die Fledermausfische usw. Man muß also unterscheiden zwischen solchen Arten, die am oder im Boden leben, und solchen, die sich über dem Boden im freien Wasser aufhalten. Die im Boden lebenden Arten benötigen eine verhältnismäßig hohe Sandschicht (10 bis 20 cm). Das gilt unter den Fischen z. B. für die Lippfische, die bei Gefahr oder nachts zum Schlafen völlig im Boden verschwinden. Die Kieferfische legen sich im Sand kaminartige Röhren an. Unter den Wirbellosen leben die Zylinderrosen in der Sandzone, deren Fuß ist tief unten am Boden festgesaugt und deren Körper muß von einer mindestens 10 cm hohen Sandschicht umgeben sein. Auch viele Muscheln sind ausgeprägte Bodenbewohner.

Bei der Einrichtung einer Sandzone darf aber nicht übersehen werden, daß der Sand, insbesondere wenn die Schicht eine erhebliche Dicke hat, einen nicht zu unterschätzenden Gefahrenherd darstellen kann. Wenn die Sandkörner nämlich zu klein sind, verbacken sie leicht und werden bald zu einer kompakten Masse, die ihre Luftdurchlässigkeit mehr und mehr verliert. Sowohl durch diesen Luftabschluß als auch durch die Einlagerung von Futterresten, Kot, Mulm usw. entstehen im Sandboden Fäulnisvorgänge; ein Teil des Sandes verwandelt sich zu Faulschlamm. Wenn man einen solchen Sandboden aufwühlt, nimmt das Wasser rasch einen unangenehm fauligen Geruch an. Oft erhält der ursprünglich helle Sand auch eine blauschwarze Tönung, zumindest in den tieferen Schichten. Ein solcher Sand birgt eine große Gefahr für sämtliche Beckeninsassen, da er eine vergiftende Wirkung hat. Es gibt einen guten Indikator für die Gesundheit des Sandes:

Wenn jene Lippfische, die nachts im Sande vergraben sind (Thalassoma, Halichoeres usw.), zerfranste und zerfressene Brustflossen aufweisen, so daß sie nicht mehr normal schwimmen können, ist der Sand ungesund und in starkem Maße mit Fäulnisbakterien angereichert.

Um solche Zersetzungsvorgänge im Sand zu verhindern, richte man zwischen Beckenboden und der Sandschicht einen Unterflutungsfilter ein (vgl. Kapitel Filtersysteme). Dadurch wird der Sand von unten her vom Wasser durchströmt, so daß sich im Boden keine zersetzenden Reststoffe ansammeln können. Ein einfacheres Verfahren ist das wöchentlich mindestens einmalige Aufwühlen des Sandes und anschließende Abfiltern der aufgewirbelten Partikel mit Hilfe einer starken Kreiselpumpe oder entsprechendes Absaugen.

Wichtig ist auch die Art des Sandes. Im allgemeinen wird grobkörniger Quarzsand (1 bis 1,5 mm Korngröße) vorgeschlagen, da er sich noch am leichtesten sauberhält. Unbedingt abzuraten ist von feinem Seesand, da dieser leicht verklebt. Sehr vorteilhaft ist eine Eigenmischung: Gestoßener Korallenschutt und feinzerkleinerte Muschelschalen (die Schalen der verfütterten Miesmuscheln) werden 1 :1 mit Quarzsand oder dem im Handel erhältlichen Aquariensand vermischt. Durch den gröberen Korallenschutt und den Muschelschill bleibt der Sand locker. Außerdem nehmen die Wirbellosen aus den Schalen- und Korallenresten freiwerdende Substanzen zum Aufbau ihres Körpers und Skeletts auf.

Eine Gesteinswand kann man mit einigem Geschick ohne weiteres nachahmen. Die ganze Rückwand wird mit hohem Fels zugebaut. Man verwendet hauptsächlich Urgesteine (Quarz, Basalt, Granit, Porphyr usw.), gegebenenfalls auch Kalkgestein, wie z. B. Dolomit (rötliches oder rostfarbenes, erzhaltiges Gestein darf wegen des Metallgehaltes keinesfalls benutzt werden). Die Steine kann man zu einer Wand schichten, aber auch miteinander verkleben (Araldit-Kleber, Polyester-Spachtel o. ä.) oder mit Tonerdeschmelzzement zusammenzementieren.

Es ist selten angebracht, das ganze Becken mit Gestein auszulegen. Am günstigsten ist es, den vorderen Abschnitt mit Sand oder groben Kieselsteinen zu bedecken, gegebenenfalls kann man den Boden nackt lassen. Felsküstenbewohner unter den Fischen sind besonders die Meergrundeln und Schleimfische, die Skorpionfische, aber auch viele Lippfische, Zackenbarsche und andere Barschverwandte, Muränen, manche Kaiserfische usw. Selbstverständlich sind auch viele wirbellose Tiere Felsbewohner, z. B. zahlreiche Aktinien, Seesterne, Seeigel, Krebse usw. Zudem werden die Felsen regelmäßig auch von Algen bewachsen.

Wenn man den hinteren Teil als Felsküste, den vorderen als Sandzone einrichtet, ist auch noch genügend Schwimmraum vorhanden, und es bieten sich somit noch weitere Kombinationsmöglichkeiten hinsichtlich des Fischbesatzes.

Eine biologisch bemerkenswerte Dekoration bilden die lebenden Steine, d. h. kleine Felsstücke, lose Steine, große Muschelschalen usw., die vom natürlichen Fundort stammen (Mittelmeer, tropisches Meer) und mit Algen, Moostierchen, Schwämmen, Hohltieren und vielen anderen Lebewesen sowohl auf der Ober- als auch Unterseite bewachsen sind.

An das Korallenriff-Becken sollte sich der Aquarianer erst dann wagen, wenn er genügend Erfahrung hat. Vor dem Einbau muß geprüft werden, ob die Korallenskelette frei von organischen Substanzen sind, da durch faulendes Polypengewebe rasch das Wasser verpestet wird und die Fische und andere Tiere umkommen.

An der hinteren Hälfte des Beckens stellt man einzelne tote Korallenstöcke zu einem Riff auf; die vordere Hälfte beläßt man als Sandzone oder nackten Boden. Während in einem natürlichen Riff die Stöcke auf dem Kalkfels des Untergrundes festgewachsen sind, haben die abgebrochenen Korallenskelette, wie man sie vom Händler bekommt, wenig Halt. Manche Fische wühlen gern im umgebenden Sand und lassen das mit so viel Liebe und Geduld aufgebaute Riff windschief werden oder gar zusammenbrechen. Daher sollte man jeden Korallenstock auf einem Stein befestigen (Bimsstein hat sich hier bewährt), meist muß man aber die Sichtseite dieses „Grundsteins“ mit Korallenschutt bekleben. Man kann sich auch ein Fundament aus Modellierton, in der Größe dem Aquarium angepaßt, anfertigen. So formt man aus Ton z. B. ein längliches, brotartiges Gebilde, in das die unteren Enden der Korallenäste hineingepreßt werden. Diese Löcher werden noch etwas erweitert, dann läßt man das ganze Gebilde von einer Töpferei o. ä. brennen. Man kann auch einen gedämpften Farbton mit einbrennen lassen.

Im Korallenriff-Becken bringt man selbstverständlich nicht Mittelmeerfische unter, sondern echte tropische Riffbewohner. Es wäre hier müßig, die vielen Familien an „Korallenfischen“ aufzuzählen. Trotzdem sei erwähnt, daß diese Fische nicht unbedingt ein künstliches Riff benötigen. In freier Natur findet man sie zwar vorzugsweise an Korallenriffen, sie können aber auch an echten Felsküsten beobachtet werden. Nur solche Arten, die sich speziell von Korallenpolypen oder Korallenästen ernähren, müssen stets im Riff leben. Wenn man also seine Kaiserfische oder anderen Korallenfische in einem Felsküsten-Becken hält, ist dies keinesfalls ein biologischer Fehler.

Ein künstliches Korallenriff, so schön es auch aussehen mag, hat auch seine Nachteile, auf die wir hinweisen müssen. So kann z. B. ein sterbender Fisch sich kurz vor dem Tode im Gewirr der starren Äste verstecken, unauffindbar bleiben und gegebenenfalls durch seine verwesende Leiche das Wasser verderben. Auch bleiben oft zwischen den Ästen Futterreste hängen, die rasch schlecht werden. Auch aufgewirbelter Schmutz kann sich dort gut und unschön absetzen. Außerordentlich nachteilig sind Korallenstöcke, wenn man einen Fisch herausfangen will. Das Netz bleibt unweigerlich an den Ästen hängen und zerreißt meist; der Fisch aber findet leicht unzugängliche Verstecke. Dann muß man die ganze Einrichtung herausnehmen. Wehe dem Aquarianer, der zuvor, was man recht gerne tut, die Korallenstöcke fest zusammenzementiert hat.

Ganz allgemein sollte man bei der Einrichtung eines Biotop-Aquariums auf zwei Dinge achten: Einerseits sollte niemals alles kunterbunt durcheinanderliegen, sondern einen echten Aufbauplan erkennen lassen. Andererseits sollte man bei einem Biotop-Becken keine zu starre Gestaltung einhalten. Wenn die Rückwand von einer Gesteinswand oder einem Korallenriff gebildet wird, die ganze vordere Hälfte aber aus einer Sandzone besteht, ist der Anblick meist recht langweilig; eine große Muschel oder Schneckenschale, ein einzelner Fels oder ein kleiner, junger Korallenstock vorn seitlich in der Sandzone aufgestellt, läßt sofort die Szenerie abwechslungsreich werden. Ein wenig muß der Aquarianer, der eine überzeugende Einrichtung aufbauen will, Phantasie entwickeln.

Dem Anfänger aber sei angeraten, zunächst mit der Einrichtung recht sparsam zu sein. Erst sollte er den Boden nur schwach mit Sand bestreuen, wenig Dekoration (Steine, große Muschelschalen oder Schneckenhäuser) übersichtlich anordnen und noch keine Korallen verwenden. Erst allmählich, nachdem einige Erfahrungen gesammelt wurden, sollte die Dekoration vervollständigt werden.

Bild: https://www.flickr.com/photos/aquarist/7075434879/in/photolist-bMeshx-67cK3k-dMreC-dMreB-aSdUs-85j32t-adgdbr-dHHJyJ-dHCj58-dHCj7t-dHHJvh-dHHJaq-dHHJf1-dHCiPt-dHHJmQ-dHCiYv-7ydby-7znUA-7ycG4-c5CZ8-dMreE-dMrez-9Et9j-adgbBt-adg34F-adiWMW-5Zbyyt-adg4Tv-9Et8K-9Et8f-9Et9K-adj1Mm-85n3RY-adg7ya-adg9ka-adiS1Y-adgb1r-adiZ7S-adiXMo-adg9dt-adiXVL-adgc6F-adj4uY-adg6vk-adgae4-adj3UG-adiSJW-adiVdj-adg5Qp-adiXEC
Urheber aquarist.me

 

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